Frage 1: "Verwirklichte" Menschen sprechen immer vom ICH BIN, das der Schlüssel zu allem sei. Ich kann damit nichts anfangen. Ich kann mir das nicht vorstellen.
Oliver: Das unpersönliche ICH BIN ist für Dich irritierend, weil der Verstand es automatisch mit der Identifikation mit einem persönlichen Ich (inklusive "meinem" Körper) gleichsetzt. Das unpersönliche ICH BIN, das immer da ist, wird erst dann gesehen, wenn dieser eine Identifikationsgedanke abfällt. Das ICH BIN wird dann als eine Art Gefühl von unpersönlicher Existenz empfunden, das ALLES einschliesst. Es ist Einheit. Es wird auch Erinnerung da sein, dass dieses Gefühl, das mit unendlicher Freiheit gleichgesetzt werden kann, bestens bekannt ist, da es immer als Grundton in der Symphonie des Lebens mitschwingt. Kümmere Dich also nicht um das ICH BIN. Entspanne Dich und tue, was auch immer Du tust. Das ICH BIN ist auch dann.
Frage 2: Kannst du mir bitte den Unterschied von ICH BIN und ICH ICH erklären?
Oliver: Das "ICH" im ICH ICH ist genauso unnötig wie das "ICH" im ICH BIN oder das "BIN" im ICH BIN. Besser ist, wenn schon, nur ICH und noch besser ist ... (Stille). Jedes Wort ist zu viel und trotzdem genau richtig. Das ICH ist die Einheit, die sich als ICH darstellt, so wie ein Haus oder ein Stuhl die Einheit ist, die sich als Haus oder Stuhl manifestiert. Der Verstand kann sich mit ICH BIN oder ICH ICH rumschlagen und versuchen, etwas darunter zu verstehen. Ich aber sage, der Verstand kann sich mit allem was er möchte rumschlagen, er ist trotzdem immer die Einheit, die als Ansammlung von Gedanken auftritt. Quäle Dich nicht mit ICHs und BINs. Geniesse, dass Du sowieso immer und überall einfach BIST.
Frage 3: Wie sind die Emotionen, wenn man "erleuchtet" ist? Verändert sich da was?
Oliver: Die Frage geht von der Annahme aus, dass Erleuchtung ein Zustand sei, der sich von einem "unerleuchteten" Zustand unterscheidet. Erleuchtung ist aber kein Zustand, den "jemand" erreichen und behalten kann. Wenn schon, dann ist Erleuchtung der Zustand des Zustandslosen. Das heisst: alles kann sich ändern, oder auch nicht. So auch Emotionen (Gefühle, z.B. Freude, Trauer, Ärger etc.), also im Körper gespeicherte Energien. Es ist nur niemand mehr da, keine Instanz, die etwas ändern oder kontrollieren möchte. Änderungen geschehen einfach. Emotionen geschehen einfach, so wie sie schon immer einfach nur geschehen sind.
Emotionen kommen und gehen, wie sie es sich seit jeher gewohnt sind. Je nach Konditionierung, also je nach Temperament (Charakter), kommen sie von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark zum Ausdruck. Metaphorisch gesprochen können Emotionen mit Wellen auf dem Ozean des Lebens verglichen werden. Sie kommen und gehen. Manchmal stärker, manchmal schwächer. Du bist der Ozean, und die Wellen sind auch der Ozean, so hoch sie auch sein mögen.
Frage 4: Ich habe Phantasien und Projektionen, die im Kopf rattern, mich ablenken, mich aus dem Gleichgewicht werfen und mich schwächen. Mein Verstand dreht und dreht sich. Das stört mich sehr.
Oliver: Was hier beruhigend wirken kann ist die Vorstellung (= Gedanke), dass alles, alle Phantasien und alle Auflehnung gegen diese Phantasien, einfach nur Gedanken sind, und dass Gedanken im Grunde genommen NICHTS sind. Einfach nur leer sind. Sie kommen und gehen, wie Wellen im Ozean, wie Wolken am Himmel. Ob diese Gedanken nun sogenannte Phantasien oder Projektionen (was ist eigentlich der Unterschied?) sind, oder ob es sich nur um den einen Gedanken der Identifikation mit einer getrennten Person handelt: Wen kümmert's? Weshalb sollte gerade diesen paar wenigen der abermillionen Gedanken, die andauernd auftauchen, eine solche Aufmerksamkeit geschenkt werden? Es scheint beinahe wie eine Sucht nach diesen paar Gedanken zu sein, die in der persönlichen Werteskala als "schlimm" und "störend" bezeichnet werden. Gedanken in Form des arbeitenden Verstandes sind immer da und sie sind meistens im täglichen Leben sehr praktisch. Sie werden auch "nach der Erleuchtung" immer noch da sein, werden aber nicht mehr als Störfaktor, sondern als DAS LEBEN, DIE EINHEIT gesehen und daher einfach sein gelassen. Kümmere dich also nicht um Phantasien und Projektionen. Es sind nur Gedanken. Wenn sie da sind, sind sie da. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Ganz ohne Sinn und Zweck. Gedanken kommen, Gedanken gehen. Das was immer bleibt, bist und warst immer nur DU. Die Einheit.
Frage 5: Wie kann ich mir klar werden, wann ich etwas mit falschen Beweggründen tue. Und was ist ein richtiger Grund?
Oliver: Grundsätzlich gibt es natürlich keine richtigen oder falschen Beweggründe einer Handlung. Entscheidungen werden gefällt, ohne dass "jemand" das Gefühl haben muss, es seien "seine" oder "ihre" Entscheidungen. Da ist niemand, der einen Einfluss darauf haben könnte, welche Entscheidung gefällt wird. Es gibt keinen freien Willen, so hart es für den Verstand auch klingen mag. Der freie Wille ist eine Illusion. Die Akzeptanz dieser Tatsache bedeutet totale Befreiung. Natürlich tut sich der beurteilende Verstand schwer vor einer scheinbar schwierigen Entscheidung. Doch der Film des Lebens ist bereits abgedreht und die "richtige" Entscheidung wird auch fallen, ob sich der Verstand nun schwer damit tut oder nicht. Die Entscheidung - wie auch immer sie ausfällt - ist immer so, wie sie eben ist und deshalb perfekt. Sie kann gar nicht anders sein. Natürlich kann der Verstand nach einer scheinbar von ihm gefällten Entscheidung seine Meinung ändern und sich umentscheiden. Er kann sich gemäss seiner Konditionierung eine logische Abfolge von Argumentationen überlegen, die ihm sozusagen einen Grund geben, seine Entscheidung rückgängig zu machen. Er sagt dann, dass ein falscher Beweggrund hinter seiner Entscheidung stand. Das ist gut so. Es sind trotzdem immer noch Handlungen, die einfach geschehen. Wenn der Zeitpunkt für eine Handlung da ist, dann geschieht diese.