Frage 36: In der spirituellen Literatur liest man häufig den Begriff "Ego". Das Ego wird eigentlich immer als schlecht dargestellt, also als etwas, wovon man sich befreien muss. Was ist eigentlich genau damit gemeint?
Oliver: Wenn Du diese Webseite bisher aufmerksam gelesen hast, hast Du sicher bemerkt, dass ich den Begriff "Ego" eigentlich nie verwende. Dies hat folgenden Grund: Wie Du bereits geschrieben hast, wird das Ego häufig negativ dargestellt. Als etwas, was einen daran hindert, befreit zu werden. Überhaupt wird immer sehr viel vom Ego geredet, wobei jeder Lehrer wieder etwas anderes darunter zu verstehen scheint. Es ist also ein recht problematischer Begriff, der zwar den Verstand schwer beschäftigt, aber insgesamt mehr Verwirrung stiftet als dass er Klarheit schafft.
Deshalb schlage ich Dir vor, das Ego einfach als eine Ansammlung von Gedanken zu betrachten. Diese Gedanken sind nicht wichtiger oder spezieller als andere. Ob ich nun über meinen Einkaufszettel nachdenke oder über die Abgrenzung "meines" Egos gegenüber "anderen" Egos: Gedanken sind Gedanken. Sie sind leer. Nichts. Im Falle des Egos hat sich ein Gedanke (der Trennungsgedanke) eben mit einem Haufen anderen Gedanken identifiziert und beschäftigt sich nun eifrig damit. Er erschaffte also eine getrennte Person mit ihrer Geschichte und ihrem Charakter und versucht, sie aufrecht zu erhalten. Das soll Dich nicht weiter kümmern. So läuft das Spiel des Lebens. DICH, die Einheit, betrifft es nicht. Es taucht in Dir auf.
Frage 37: Wenn Du sagst, dass ich keinen freien Willen habe und nichts tun kann, damit es mir besser geht, stresst mich das sehr. Ich bin ungeduldig und möchte irgend etwas tun, was die Situation ändert. Ich kann nicht einfach nur rumsitzen und warten.
Oliver: Es ist völlig klar, dass Dich der Gedanke stresst, dass Du keinen freien Willen hast. Doch dieses "Du", also die Person, die gestresst ist, ist bloss ein winzig kleiner Gedanke, der ein aufgeblähtes Gebilde namens "Ich bin ein getrenntes Individuum" aufgebaut hat und es nun mit allen Mitteln zu verteidigen sucht. Der Gedanke an ein Konzept von einem freien Willen hält diese Verteidigung verbissen aufrecht. Eine sehr anstrengendes Unterfangen.
Doch wenn ich mit Dir spreche, spreche ich nie von Dir als scheinbares Individuum. Dieses interessiert mich nicht, auch wenn dies vielleicht anfangs herzlos klingen mag. Ich spreche mit Dir zu mir, als Einheit. Das, was Du wirklich bist, Einheit, reine lebendige Existenz muss absolut nichts tun, um einfach zu sein. Dieses einfach nur sein ist immer unendliche Freiheit und Glück, auch wenn das scheinbare Ich unglücklich, unfrei oder gar depressiv ist.
Du fragst, was Du tun kannst, weil Du ungeduldig bist. Nun, was tust Du denn normalerweise so? Was liegt Dir? Was tust Du normalerweise freiwillig gerne, ohne dass Dich jemand dazu zwingen muss? Das kann irgendwas sein, z.B. lesen, essen, fernsehen, Fussball spielen, meditieren, boxen, schlafen, arbeiten, auf einem Stuhl sitzen und die Zeitung lesen, Kaffee trinken etc. Es spielt keine Rolle.
Ich schlage Dir vor, wenn Du irgend etwas tun möchtest, tue einfach diese Sachen, die für Dich keine Anstrengung bedeuten, da Du sie ja sowieso gerne tust und vergiss das Konzept des freien Willens, des unendlichen Glücks und der Freiheit und LEBE, wie das Leben Dich lebt. Das ist es.
Frage 38: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen "Erwachen" und "Befreiung"?
Oliver: Nun, selbst eingefleischte nondualistische Lehrer machen oft noch einen Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen. Ich kann dazu aus eigener Erfahrung folgendes sagen: Erwachen geschieht in einem einzigen Augenblick, der sehr genau zeitlich eingeordnet werden kann. Es ist die plötzliche Erkenntnis, dass da zwei Ich's sind: das persönliche Ich (Identifikation) und das unpersönliche ICH (Einheit). Solange aber dieses Wachsein vom persönlichen Ich als ein Zustand betrachtet wird, den es behalten möchte, da er als angenehm empfunden wird, kann nicht wirklich von Befreiung gesprochen werden. Befreiung tritt erst mit dem Verschwinden dieser Person ein, die im Zustand des Erwachens weilt. Der Erwachte muss, bildlich gesprochen, aus dem gläsernen Turm der Weisheit (= männliches Prinzip) ausbrechen und sich im Ozean der Liebe (= weibliches Prinzip) auflösen. Dieser Vorgang kann unterschiedlich lange dauern. Danach kann nicht mehr von einer erwachten Person gesprochen werden, sondern von unpersönlicher Freiheit.
Frage 39: Kannst du mir sagen, weshalb verheiratete Männer und Frauen aus "spirituellen" Kreisen untreu werden und ihre Familien aufs Spiel setzen? Was mich sehr erstaunt ist, wie viele "Spirituelle" sehr locker mit Treue umgehen und einfach sagen, es sei ja alles eins, es gehe ja gar niemand fremd und es geschehe halt einfach etc.
Oliver: Absolut gesehen geschieht nichts. Relativ gesehen, im Film des Lebens, aber sehr viel. Viele sogenannt "spirituelle" Menschen finden sich mit Gleichgesinnten in Gruppen zusammen, wo Frauen und Männer sehr offen über ihre innersten Probleme reden und oft viele Emotionen und auch viel Körperkontakt da sind (in die Arme nehmen etc.). Wenn nun jemand einer solchen Gruppe beitritt, weil er/sie vielleicht zu Hause unglücklich ist, sich unverstanden fühlt und vielleicht sexuell unbefriedigt ist, kann es natürlich geschehen, dass er/sie sich dort sehr wohl fühlt, weil viel Verständnis da ist. Dies führt zu Projektionen, so dass es leicht geschehen kann, dass sich zwei verlieben oder ihre zu Hause unerfüllten sexuellen Bedürfnisse befriedigen und dies sogar manchmal auch als Sprungbrett gebrauchen, um den Partner oder die Familie zu verlassen. Wenn diese Menschen dann zur Rede gestellt werden, weshalb sie das tun, sagen Sie - wie sie es in der Gruppe gelernt und auch empfunden haben - es sei eben einfach geschehen.
Das alles hier gilt übrigens nicht nur für spirituelle Gruppen, sondern für jedwede Art von Gruppen mit viel Körperkontakt (Tanzen, Körperarbeit etc.), aber auch z.B. für die Gruppe "Arbeitsplatz". Im Spiel des Lebens geht es eben grundsätzlich immer nur um die Befriedigung von Bedürfnissen. Das alte Kriegsspiel der Menschen von Angriff und Verteidigung gilt auch in einer Beziehung, die im Grunde ein Kuhhandel zwischen geben und nehmen ist. Wenn die Konditionierung eines Menschen so ist, dass er/sie gelernt hat, dass man unter allen Umständen treu sein muss, dann werden möglicherweise eigene Bedürfnisse unterdrückt, was sich schleichend in Richtung Verschlechterung der eigenen Lebensqualität entwickeln kann. Wenn nun vom Verstand in "spirituellen" Gruppen Aussagen gehört werden wie "alles ist eins, alles geschieht einfach", können konditionierte Glaubenssätze aufgelöst und neue aufgebaut werden, mit den entsprechenden Folgen, die relativ gesehen für einige Menschen leider auch schmerzvoll sein können.
Frage 40: Liebst du deine Frau bedingungslos? Es würde dir also nichts ausmachen, wenn deine Frau ihre sexuellen Bedürfnisse auch von anderen Männern befriedigen lässt, und deine Frau hätte bestimmt auch nichts dagegen, wenn du deine versteckte Gier bei anderen, vielleicht jüngeren Frauen ab und zu holen würdest?
Oliver: Liebe ist grundsätzlich immer bedingungslos, denn Liebe ist Einheit. Wie allerdings die Konditionierung der Körper-Verstand-Einheit im Film des Lebens konkret auf eine derartige Situation reagieren würde, kann ich nicht sagen. Ich weiss nie, welche Handlung in welcher Situation auftauchen wird.