Frage 41: Ist Erleuchtung, wenn Bewusstsein sich selbst bewusst ist?

Oliver: Wenn ein Lehrer dualistisch lehrt, wird er es wahrscheinlich so definieren, ja. Non-dualistisch macht diese Definition keinen Sinn. Daher bevorzuge ich die Definition, dass Erleuchtung da ist, wenn niemand (also keine Person) mehr da ist, die Erleuchtung erfahren bzw. sich mit dem "Zustand" Erleuchtung identifizieren könnte. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb kein Meister einem Schüler auf dessen Nachfrage hin bestätigen würde, dass dieser nun erleuchtet sei. Erleuchtung braucht keine Bestätigung, weil niemand mehr da ist, der sich fragt, ob er nun erleuchtet sei oder nicht.

Frage 42: Ist wirklich niemand mehr da? Ist es nicht so, dass, wenn der Ich-Gedanke verlöscht ist, DAS da ist, was ICH BIN, Präsenz, also der "Raum", in dem Mensch und Welt erscheinen?

Oliver: Das "ICH BIN" oder "Präsenz" oder "Einheit" ist vollkommen unpersönlich. "Niemand mehr da" heisst, dass keine Person im eigentlichen Sinne mehr da ist, also niemand mehr, der sich mit irgend etwas identifiziert (auch nicht z.B. mit Präsenz oder Einheit). Ich kann also nicht sagen: "Ich bin reine Präsenz" (oder Einheit, Licht, Leere, Fülle oder wie immer Du das nennen willst), sondern - wenn schon - "da ist nur reine Präsenz".

Frage 43: Was sagst du zu Menschen, die den Ich-Gedanke (Ego*) einfach ignorieren und sagen, der löst sich nie auf, und es ist sowieso alles das Sein?

Oliver: Wenn "Einheits-Konzepte" (das gilt übrigens für Konzepte ganz im Allgemeinen) auf den menschliche Verstand treffen, können im Prinzip zwei Dinge geschehen:
1.) Entweder der Verstand beschäftigt sich damit oder
2.) er lässt es sein (ich empfehle Dir wärmstens diese Variante :-)
Im ersten Fall wird der Verstand versuchen, Einheit mittels Gedankengebäuden zu erklären, festzuhalten, zu konservieren und zu institutionalisieren. Er wird so im Laufe der Zeit zwangsläufig das Konzept "Einheit" für alle möglichen Zwecke (miss-)brauchen und damit alles zu rechtfertigen versuchen. Religionen sind so entstanden.
Im zweiten Fall kann es geschehen, dass die Identifikation mit einem persönlichen Ich und somit das Konzept "Einheit" verschwindet. Was bleibt, ist immer noch Einheit, die natürlich auch im ersten Fall ebenfalls da ist. Beide Fälle sind Ausprägungen des Lebens, oder besser gesagt, es sind Ausprägungen der Einheit, die (scheinbar) das Spiel des Lebens spielt. Es sind Wellen auf dem Ozean der Einheit, der DU bist.
Ein kleine Anekdote zum Schluss: Als ich und somit mein Verstand vor Jahren las, dass Zeit gar nicht existiert, versuchte ich mich an den zeitlosen Zustand zu gewöhnen, indem ich meine Armbanduhr, die ich immer trug, für viele Jahre ablegte (auch wenn ich eigentlich Armbanduhren sehr schön finde...). Nachdem die Identifikation mit einem persönlichen Ich und somit Zeit und Raum verschwanden, war eine meiner ersten Handlungen die, meine Armbanduhr wieder anzulegen, da sie ganz einfach im täglichen Leben äusserst praktisch ist und erst noch schön aussieht.
*) Anmerkung: Für die Definition des Begriffes "Ego" konsultiere bitte --> Frage 36

Frage 44: Oliver, wie würdest Du den Zustand des "Plötzliches-Bewußtwerden-des-Einfach-Seienden" mit Deinen Worten treffend beschreiben? Der Begriff ERLEUCHTUNG ist sehr irreführend für einen Neu-Sucher. Dasselbe ist es mit dem Begriff "Erwachen". Ist "Wissendes-Weiterschlafen" oder "Sehendes-Blindsein" zutreffender?

Oliver: Oh, ein Neu-Sucher!?! Das ist gut :-) Ich kann Dir versichern, dass auch für einen gestandenen Alt-Sucher der Begriff "Erleuchtung" recht irreführend sein kann...
Damit Du aber zu keinem Alt-Sucher wirst, habe Vertrauen in mich und beherzige bitte folgende Worte:
Es gibt keinen Zustand. Vergiss dieses Wort. Es muss NICHTS geändert werden, da JETZT alles vollkommen ist. Also höre gleich wieder mit dem Suchen auf und gehe ins Kino, wenn Du möchtest.
Das, was Du suchst, ist JETZT da und es kann nicht gefunden werden, da der Sucher und das Gesuchte dasselbe sind.
Ich würde dem, was Du suchst "Existenz" sagen. Lebendigsein. Eine Art unpersönliches Gefühl von Existenz, was - da es unpersönlich ist - ALLES umfasst. Der Witz ist, dass dieses Gefühl von Existenz auch genau JETZT bei Dir da ist, Du willst es einfach nicht wahrhaben und Dein Verstand versucht es finden und zu erklären. Das ist vollkommen UNNÖTIG! Du musst nichts tun. Trage - wenn Du glaubst, unbedingt etwas tun zu müssen - einfach immer ein Gefühl in Dir, wie es wäre, wenn Du das, was Du suchst, schon gefunden hättest.

Frage 45: Oliver, WAS ist es, das sich (durch Dich) "mitteilt"? Geschieht überhaupt etwas, wenn wir Dein Satsang besuchen? Die "Neulinge" fassen doch alles erst einmal mit dem Verstand auf. Sie müssen quasi das Gelesene erst komplett loslassen, um ES zu finden? Es reicht also nicht, wenn Du uns sagst, daß wir nicht blind sind. Wir müssen uns bewußt werden, daß das SEHEN immer ist?

Oliver: Wenn Du zu einem Lehrer gehst, nimmst Du mit Deinem Verstand und mit allen Sinnen (bewusst und unbewusst) alles von ihm auf. Wenn die "Chemie" stimmt, nimmst Du ihm ab, was er sagt. Das ist Vertrauen. Das kann nicht erzwungen werden.
Menschen, die zu mir kommen, sind überrascht, wie normal ich eigentlich bin. Ich bin der Kumpel, mit dem man einen Kaffee oder ein Bier trinken und ins Kino gehen kann. Sie sehen keinen unerreichbaren indischen Guru vor sich, sondern jemanden, der so ist und so redet, wie sie. Das beruhigt sie sehr und ermöglicht es ihnen, vertrauensvoll loszulassen und die Suche zu beenden.
Übrigens: Du musst Dir nicht bewusst werden, dass SEHEN immer da ist. Wenn Dein Verstand die Metapher von der Brille so auffasst, ist die Metapher für Dich leider falsch gewählt. Das ist halt so mit diesen verflixten Metaphern und Gleichnissen... Du musst nichts tun. Lebe, wie das Leben Dich lebt. Jeder Moment ist vollkommen, auch der Moment der Suche und der Verzweiflung. Entspanne Dich und tue etwas, was Du von Dir aus gerne tust und denk' nicht darüber nach. Das ist es.

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