Frage 51: Oliver, wenn ich Lehrer über Wahrheit und Erwachen sprechen höre, habe ich das Gefühl, dass ich seit jeher so bin. Seit 2003 scheint so etwas wie ein Filter zwischen "mir" und der "Realität" zu sein. Ich erzählte dies auch meinen Eltern, lange bevor ich überhaupt etwas über Spiritualität hörte. Mit diesem Filter geht eine starke Müdigkeit, eine Anspannung und manchmal auch eine Depression einher, zusammen mit einem starken Gedankenfluss. Letztes Jahr habe ich einen tiefen Frieden erfahren, in dem alles Kämpfen endete. Doch ich bin irgendwie immer noch nicht ganz "zufrieden" damit. Ich falle von Zeit zu Zeit immer wieder in Leidenszyklen, und ich habe das Gefühl, ich "weiss" - wenn ich das so sagen darf - dass ich selbst in tiefem Frieden nicht im "maximal möglichen" Sein bin. Ich hoffe, Du kannst mir bei dieser Frage helfen.
Oliver: Was Du mir da beschreibst, scheinen verschiedene Zustände zu sein, die Deinem Körper-Verstand geschehen und Dich verwirren, da Du sie deuten und verstehen möchtest. Ich habe hier ein Konzept für Dich:
Wenn Erwachen geschieht (= Wissen, dass Du reines Sein bist und nicht dieses kleine "Ich") und mit dem Erwachen dieser tiefe Friede kommt, möchte das kleine "Ich" diesen angenehmen "Zustand" sogleich festhalten. Es fängt also an, sich mit dem Zustand des tiefen Friedens zu identifizieren. Wenn dann plötzlich eine Veränderung eintritt, wenn also z.B. Gefühle wie Traurigkeit oder Ärger auftauchen, ist das kleine "Ich" sehr enttäuscht.
Vollkommene Befreiung heisst, dass das kleine "Ich" keinen erwünschten erwachten Zustand mehr festhalten bzw. überhaupt keinen unerwünschten Zustand mehr ablehnen möchte. Es möchte das göttliche Fahrzeug des Lebens nicht mehr mühsam selber steuern, sondern akzeptiert, dass es gar keinen Steuermann braucht, ja nie einen brauchte! In dieser absoluten Freiheit kann ALLES geschehen. Es geschieht IN dem, was Du bist. Lass es einfach geschehen und kümmere Dich nicht darum. Es muss nichts getan oder geändert werden, um frei zu sein.
Frage 52: Wer erwacht bei Dir morgens früh, und wo bist Du im Tiefschlaf?
Oliver: Die Definition von Tiefschlaf ist, dass im Tiefschlaf keine Person vorhanden ist, also niemand, der über sich nachdenkt und eine Identifikation mit einer Person (einem Körper) aufrecht erhält. Mit anderen Worten: Du kannst also im Tiefschlaf nirgendwo sein, denn es gibt Dich dann gar nicht. Wenn Du erwachst, erwacht "mit Dir" die Person, also das "kleine Ich", für das Du Dich hältst. Wenn aber das kleine Ich nicht mehr da ist, dann ist - so könnte man sagen - einfach unpersönliches Erwachen da. Es erwacht also "niemand" am Morgen. Die Grenze zwischen Tiefschlaf und Wachsein hat sich somit aufgelöst.
Frage 53: Oliver, kannst Du bitte Papajis Metapher mit dem "Seil, das die ganze Zeit als Schlange gesehen wurde" übersetzen?
Oliver: Damit alle hier wissen, wovon die Rede ist, gebe ich kurz die besagte Metapher wieder:
"Du hast Angst, die Strasse zu überqueren, auf deren anderer Seite Freiheit liegt, weil Du eine Schlange siehst, die aufgerollt in der Mitte der Strasse auf Dich wartet. Jeden Tag kommst Du zurück, siehst die Schlange und fürchtest Dich, weiterzugehen. Eines Tages kommt jemand von der anderen Seite und sagt: „Es ist nur ein Seil. Es gibt keine Schlange, lediglich ein Seil." Diese Autorität sagt die Wahrheit und Du erkennst sie. Welches Tun findet hierbei statt? Was hast Du mit der Schlange gemacht? Wohin ist die Schlange gegangen? „Ich bin gebunden" ist eben diese Schlange. Die Schlange hat es nie gegeben. Du mußt die Hindernisse Angst und Zweifel beseitigen. Sieh das Seil als das, was es ist."
Papaji spricht Vertrauen an. Satsang funktioniert nur, wenn Vertrauen in denjenigen da ist, der sagt, dass die Schlange (Welt der Dualität) illusionär ist. Dass sie bloss ein Seil (Einheit) ist. Aber eigentlich geschieht gar nichts. Die vermeintliche Schlange war vorher ein Seil (Einheit) und ist es nachher immer noch. Das kleine Ich wird aber immer denken, dass das Seil eine Schlange ist. Es kann nicht anders. In dem Augenblick, wo mit dem Verschwinden (dem Tod) des kleinen Ichs Erkennen da ist, wird die Schlange als Seil gesehen. Aber nicht vom kleinen Ich, sondern es ist absolutes Sehen. Strasse (= Trennung), Lehrer, Schlange, Seil und Schüler gehen in diesem Sehen auf und werden eins.
Dass aber überhaupt Vertrauen da ist, kann niemand bewirken. Kein Lehrer, Meister oder Guru. Er kann Dir noch so oft sagen, dass Du die Hindernisse Angst und Zweifel beseitigen musst. Vertrauen taucht einfach auf, so wie diese Website einfach für Dich (ja, genau JETZT, NUR für Dich!) auftaucht. Es ist eine Art tiefe Resonanz, eine uralte Erinnerung, dass das, was hier gesagt wird, wahr sein muss.
Und, ach ja, ich sage es immer und immer wieder: es gibt keine Hindernisse! Das mit dem Seil ist nur eine Metapher für den Verstand. Vergiss sie. Die Strasse hat es nie gegeben.
Frage 54: Oliver, meine Satsanglehrerin hat behauptet: "Wo nix is, kann nix zünden!" Ich habe Sie dann höflich gefragt, ob ich einmal Ihren schönen Busen liebkosen dürfe? Dann hat Sie mir eine geschmiert und ich bin rausgeflogen. Was sagst du dazu?
Oliver: Na, gezündet hat's ja dann wohl ziemlich heftig... Eine temperamentvolle Satsanglehrerin hast Du, muss ich schon sagen. Keine normale Welle im Ozean, sondern eher ein Tsunami. Das war aber bestimmt die gewaltloseste Ohrfeige in Deinem Leben :-) Aufgetaucht gewissermassen aus dem "Nix" (Einheit).
Frage 55: Oliver, Gandhis Botschaft "Du mußt selbst die Veränderung sein, die Du in der Welt sehen willst" trifft unserer Meinung nach exakt auf Dich als Wegweiser und Lehrer zu! Wie würdest DU diese Botschaft formulieren, da ja eigentlich gar keine "Veränderung" nötig ist?
Oliver: Gandhi spricht mit seinen Worten die Vorbildfunktion des Lehrers an, die im täglichen Leben nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung dieser dualen (Schein-)welt am ehesten Veränderungen von Gewohnheiten bewirken kann, da sie Vertrauen schafft. Ganz nach dem Motto:"Wie Du in den Wald rufst so tönt es zurück". In diesem Sinne ist meine Funktion hier die eines Lehrers, der mit dem, was er erzählt, Vertrauen schafft.
Da meine "Botschaft" im Gegensatz zu Gandhis dualen Botschaft aber nondual ist, kommt es, sobald Worte im Spiel sind, zwangsläufig zu paradoxen Situationen. Einerseits sage ich Euch, indem ich viele Worte benütze, dass Ihr Vertrauen haben sollt, und andererseits sage ich, dass, um befreit zu werden, keine Veränderung stattfinden muss, da Befreiung schon JETZT da ist. In meinen Augen seid Ihr ja bereits befreit und eins mit mir und somit allem, denn mit der Befreiung des scheinbaren Individuums ist sogleich die Befreiung der Welt da, die in Einheit aufgeht.
Doch weshalb denn überhaupt diese Botschaft? Mein Konzept für Euren Verstand ist: Diese "Botschaft" (die es gar nicht braucht), Ihr, Gandhi und ich sind EIN zeit- und raumloses Ereignis, dass scheinbar in der Einheit geschieht. Grundlos. Sinnlos. Es hat also gar nicht wirklich stattgefunden, denn da ist nur Einheit. Gandhi taucht gewissermassen IN EUCH auf. Ihr seid Gandhi. Deshalb könnt Ihr Euch entspannt zurücklehnen und all die Lehrer und Vorbilder vergessen, die Euch irgend etwas in Sachen Erwachen und Befreiung weismachen möchten. Mit der Trennung ist die Befreiung bereits geschehen.