Frage 6: Kannst Du mir sagen, was eigentlich mit Dir genau passiert ist? Oder ist überhaupt etwas passiert?

Oliver: Wie bei jedem Suchenden begann auch bei mir die Suche nach dem verlorengeglaubten Paradies mit dem Beginn der scheinbaren Trennung in meiner frühesten Kindheit. Vorher gab es nur Einheit, also keine Trennung in Subjekt (Ich) und Objekt (Du). Als der Trennungsgedanke irgendwann in den ersten Lebensjahren auftauchte, erschien mit ihm sogleich eine tiefe Sehnsucht. Ein Gefühl, irgend etwas Wunderbares verloren zu haben. Die unbewusste Suche nach der Einheit, nach diesem schon einmal erlebten Frieden war von da an mein ständiger Begleiter.
Dass das, was gesucht wurde, immer da und nie weg war, wurde vergessen. Das Naheliegendste, Einfachste wurde einfach übersehen. Der Verstand begann etwas zu suchen, was er nie finden konnte. Als ob das Auge versucht, sich selber zu sehen. Ein aussichtsloser Kampf. Doch auch er ist Teil des leela, des göttlichen Spiels, auch Leben genannt. Auch er ist vollkommen.
Die Suche nach Einheit führte mich sehr schnell auf religiöse und spirituelle Pfade, in der Annahme, diese seien besser geeignet, DAS zu finden, was nie weg war. Ich begann, in meinem Verstand Konzepte anzuhäufen, die ich aus Tausenden von Seiten spiritueller Literatur zusammengetragen hatte. Diese Konzepte waren interessant, intellektuell logisch und wurden vom Verstand geradezu verschlungen. Sie trugen dazu bei, die Konditionierung der Körper-Verstand-Einheit zu ändern. Ich wurde bewusster, ruhiger, gefasster, weniger agressiv. Aber DAS blieb verborgen. Scheinbar verborgen.
Die vielen Konzepte brachten meinen Verstand beinahe um sich selber. Mein Kopf kochte vom vielen Denken. Bis plötzlich Worte aus Büchern des sogenannten Neo-Advaita in Form von Transkriptionen von Satsangs in mir Resonanz erzeugten. Diese Worte rieten mir, alle Konzepte fallen zu lassen und nicht mehr zu suchen. Es einfach sein zu lassen und sich nicht mehr um die Konzepte "Erleuchtung", "Befreiung" und "ewiges Glück" zu kümmern. Still zu sein. Nach Hause zu gehen, Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen. Wow, welch eine unglaubliche Freiheit! Ich wusste tief im Innern, dass diese Worte wahr sind und stellte sie seither nicht mehr in Frage.
Klarheit tauchte eines Nachts auf, als sich innerhalb eines Augenblicks die Gegensätze Tiefschlaf, Traum und Wachsein auflösten und mit ihnen das Gefühl einer persönlichen Täterschaft, also einer Identifikation mit einem Ich-Gedanken. Das Ereignis war vollkommen unspektakulär, da das Sein das Vertrauteste ist, was ist. Es war mit keinen Explosionen im Gehirn verbunden, keinen leuchtenden Tunneln oder übersinnlichen Erscheinungen. Aha, so einfach ist es also. Die Grenze zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Leben und Tod existiert nicht mehr.
Sogenannt spirituelle, übersinnliche Erfahrungen können natürlich auch auftauchen. Alles kann auftauchen. Doch was auftaucht, kann und auch wieder verschwinden. Irgendwann. Vielleicht. Es kann nicht festgehalten werden. Nichts kann festgehalten werden. Die Wahrheit, die festgehalten wird, ist keine Wahrheit mehr. Diese Erkenntnis bedeutet totale Befreiung, allerdings für niemanden, da niemand mehr da ist.
Das Einzige, was seither da ist, ist eine Art Grundgefühl von Existenz. Alles andere sind Konzepte vom Verstand, also dieser Ansammlung von Gedanken, die nichts anderes tut, als andauernd Konzepte zu erstellen. Dieses ICH BIN, diese Grundgefühl, das ohne die geringste Anstrengung einfach da ist, ist der Urgrund für die Welt, die in mir erscheint. Ohne dieses ICH BIN gibt es keine Welt. Es ist der erste Gedanke, der aus dem Gewahrsein aufsteigt und eine scheinbare dualistische Welt entstehen lässt. Eine Welt, die nur eine Gedankenform ist. Dieses Grundgefühl war schon immer da. Es begleitete mich die ganze Zeit. Es ist das Naheliegendste, was es gibt. Es ist das Einzige, was ist. Es ist Einheit.
Das ICH BIN, ICH EXISTIERE ist so nahe, das man es immer übersieht. Wie eine Brille, durch die man die ganze Zeit hindurchsieht, jedoch vergessen hat, dass man sie trägt. Es ist das Offensichtlichste, was es gibt. Es offenbart sich nur in der Abwesenheit des Verstandes, der es behalten und verstehen will. Wenn der Verstand für einen winzigen Augenblick ruhig ist, wenn er für einmal nichts einteilen und nichts analysieren möchte, dann ist es da. Dann lässt der Verstand es in Frieden und kümmert sich in seiner Funktion als arbeitender, organisierender Verstand um das, was gerade im täglichen Leben getan werden muss. Das kann alles Mögliche sein, ganz gemäss "Deiner" Konditionierung oder besser, der Konditionierung des psycho-biologischen Apparates, mit dem Du Dich einst identifiziert hast.
Die Körper-Verstand-Einheit, die früher mit einer Person namens Oliver gleichgesetzt wurde, funktioniert perfekt weiter gemäss der Konditionierung durch Vererbung, Sozialisation und Lebenserfahrung. Doch es ist niemand mehr da, der involviert ist in dieses leela, dieses göttliche Spiel. Es wird als das erkannt, was es ist. Als Gedankenform, die wie eine Welle aus dem Ozean des Seins aufsteigt und wieder absinkt. Es ist ein wunderschöner Tanz. Es ist das Leben.

Frage 7: Ist Bewusstsein sich selbst gewahr?

Oliver: Da Bewusstsein das einzige ist, was ist, kann es sich selbst nicht gewahr sein, denn die Trennung zwischen Subjekt und Objekt existiert nicht. Die sprachliche Trennung zwischen Bewusstsein, Gewahrsein und Sein ist ausserhalb des analytischen Verstandes vollkommen unnötig. Man könnte sagen: da ist nur Gewahrsein. Punkt. In ihm erscheint und verschwindet alles. Das ist natürlich nur ein Konzept für den Verstand, denn eigentlich erscheint und verschwindet nichts. Es IST einfach. DU bist einfach.

Frage 8: Wer ist der Seher und Denker?

Oliver: Da ist nur Sehen, da ist nur Denken. Da ist keiner, der sieht und denkt.

Frage 9: In der Advaita-Philosophie wird zwischen Bewusstsein und Bewusstseinsinhalt unterschieden. Bewusstsein ist das Element, das gewahr ist, während Bewusstseinsinhalte als wahrgenommene Objekte in diesem Gewahrsein (Subjekt) erscheinen. So kann ich z.B. eine Blume sehen. Das Sehen der Blume besteht aus zwei Aspekten: der Blume als wahrgenommenes Objekt (Bewusstseinsinhalt) sowie dem Gewahrsein (Bewusstsein) als Subjekt. Wahrnehmung ist also immer ein Bewusstsein von etwas zweitem.

Oliver: In diesem Kontext wird der Begriff "Advaita" als Lehre der "Nicht-Zweiheit" verstanden. Es geht hier also nicht um (rationale) Philosophie - damit sollen sich Philosophen beschäftigen - sondern um das Eine ohne ein Zweites. Nur schon die Tatsache, dass in der sogenannten "Advaita-Philosophie" (notabene der Philosophie des Nondualen!) zwischen zwei Sachen unterschieden werden sollte, zeigt, wie ad absurdum das Ganze vom Verstand getrieben wird. Der Philosoph, also der analytische Verstand, möchte das EINE mittels Analyse (Philosophie) teilen, um es zu verstehen. Er gebraucht dazu viele Worte, Definitionen und Konzepte. Das ist für ihn kurzweilig und gibt ihm scheinbare Sicherheit. So weit so gut, er kann ja nicht anders. Jede Teilung des Ganzen führt aber logischerweise vom Ganzen weg. Der Philosoph muss also wohl oder übel einsehen, dass er das EINE nie verstehen wird und daher verschwinden muss, damit (unpersönliches) Verstehen da sein wird. Zusammen mit dem Philosophen werden gleichzeitig alle Fragen verschwinden.

Frage 10: Wenn Bewusstsein sich nicht selbst gewahr ist, dann wäre Stille Leere und nicht Fülle... der Seher wäre also somit vom Gesehenen abgeschnitten?

Oliver: Jetzt kommt etwas, was den stärksten Philosophen umhaut: in der Welt des Nondualen, also ausserhalb von Zeit und Raum, hat das Gesetz von Ursache und Wirkung ausgedient. Es gibt also kein "Wenn..., dann". Somit ist Stille - wenn schon - gleichzeitig Leere UND Fülle, so wie der Seher und das Gesehene dasselbe sind, so wie das Huhn und das Ei gleichzeitig sind. Klingt paradox. Ist es auch, aber nur für den philosophierenden Verstand. Jenseits davon, in der Stille des Seins, ist Klarheit. Du bist nicht der Philosoph, sondern der Philosoph steigt in dem, was Du bist, auf. Du BIST einfach nur, und zwar unbeeinflusst vom Philosophen. Vergiss alle Definitionen und Konzepte und geniesse das, was ist. Tue das, was auch immer Du tust. Du wirst nie finden, was Du suchst, weil Du der Suchende und das Gesuchte gleichzeitig bist. Das, was Du suchst, ist immer da.

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