Frage 71: Oliver, was genau ist das absolut Verblüffende beim befreiten Sein? Toleriert man z.B. plötzlich einen Menschen, den man eigentlich nie leiden konnte, oder genießt man wieder mal 'ne Zigarette, obwohl man Jahre gebraucht hat, um aufzuhören?
Oliver: Das absolut Verblüffende ist, dass sich gar nichts ändert. Das Sein, also das Gefühl von unpersönlicher allumfassender lebendiger Existenz ist immer da, in jedem Augenblick. Wie das hässliche Entlein, das nie wahrgenommen wird und das plötzlich als die Prinzessin erscheint, die es im Grund immer war.
Zum Thema Gewohnheiten: Wenn da plötzlich nur noch Stille ist, also kein "Ich" mehr da ist, das Dein Leben auf Schritt und Tritt kommentiert und bewertet, dann ändern sich natürlich zwangsläufig auch viele Verhaltensweisen. So können auch alte Gewohnheiten wieder auftauchen oder verschwinden. Das ist tatsächlich manchmal auch verblüffend...
Zusatzfrage zur Frage 71: Oliver, Du "siehst" aber, das ist doch der Unterschied, oder? Sag uns Blinden irgendetwas Verblüffendes, daß wenigstens mal ein (!) Auge aufgeht.
Oliver: Da gibt es nicht "mehr" zu sehen (auch nicht mit einem Auge...), als das, was nicht schon hier und jetzt da ist! Überall, wo Ihr gerade seid und bei allem, was Ihr gerade tut. Ich sehe nicht mehr als ihr. Ihr seht, wenn schon, scheinbar mehr als ich. Oder besser gesagt: Ihr denkt, ihr müsstet mehr sehen. Und selbst dieser Gedanke ist die Einladung der Einheit an Euch, die Blume Buddhas, Befreiung als das zu akzeptieren, was sie ist: das Unspektakulärste, was man sich vorstellen kann. Deshalb braucht es nichts Verblüffendes. Ist es nicht schon verblüffend genug, dass Euch NICHTS von der Freiheit trennt? Ich kann Euch weder etwas geben, noch etwas wegnehmen, da es nicht nötig ist. Entspannt Euch und wartet nicht auf ein "Ereignis". Die Warterei IST das Ereignis! Sobald mit der Akzeptanz, dass eine Suche unnötig ist, der Suchende (= der Fragende) verschwunden sein wird, ist unpersönliches Sehen da, dass Einheit schon immer da war. Ihr habt die Brille auf und die Augen offen. Feiert diese Tatsache jeden Moment. Der banale, unspektakuläre und unspirituelle Computerbildschirm, in den Ihr gerade schaut, ist die Blume Buddhas!
Frage 72 von Cennet: Oliver, wo ist in diesem ganzen Komplex die Seele einzuordnen? Was ist sie? Formt sie sich aus dem SEIN und teilt sich durch das ICH mit? Wie übermittelt sie sich, wenn der Bote ICH nicht mehr da ist?
Oliver: Liebe Cennet, der Begriff der Seele - den ich, wie Du vielleicht bemerkt hast, hier der Einfachheit halber nie gebrauche - wird allgemein sehr uneinheitlich verwendet und je nach Religion bzw. spiritueller Tradition ausserordentlich vielseitig interpretiert. Man kennt z.B. die Seele bei uns als eine Art "feinstoffliche Persönlichkeit", die den Körper überdauert und je nach spiritueller Vorstellung wiedergeboren wird oder nicht. Du kannst sie Dir, wenn Du möchtest, einfach als eine Gedankenform vorstellen (vgl. auch Frage 19).
In meinem Bild vom Ozean der Einheit taucht die Seele, wie überhaupt alle (Gedanken-)Formen der scheinbaren Welt der Dualität, wie eine Welle auf und ab. Sie ist, wie alles, nie getrennt vom Ozean. Sie erscheint, genauso wie die gedanklichen Konzepte Leben, Tod und Wiedergeburt, IN Dir, dem Sein, dem Ozean. Wenn der Bote ICH, also die getrennte Person, nicht mehr da ist, wenn also nur Einheit ist, verschwindet mit ihr das gedankliche Konstrukt einer feinstofflichen Individualität. Was bleibt, ist das, was immer war. Einheit.